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Habitus und Humankapital - soziologische und ökonomische Ansätze

29.10.2005: Von Ulf Banscherus

Entstehung und Entwicklung der Humankapitaltheorie

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielte in der ökonomischen Theoriebildung der Versuch der Erklärung von Wachstumsprozessen in unterschiedlichen Volkswirtschaften eine entscheidende Rolle, um die langfristige Veränderung ökonomischer Größen und auch die unterschiedliche Entwicklung in verschiedenen Ländern, vor allem zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, zu begründen. Die Wachstumstheorie, die von Robert Solow, einem neukeynesianischen Ökonom, der am MIT lehrte, in den 1950er Jahren begründet wurde, versuchte die Wachstumsphänomene auf Unterschiede in der Kapitalakkumulation zurückzuführen, womit aber nicht alle empirisch messbaren Unterschiede erklärt werden konnten.

Als Reaktion darauf entstand ab Mitte der 1960er Jahre ein breiteres Verständnis von Kapital, das nicht länger nur rein physisches Kapital umfasste, sondern um einen weiteren Faktor erweitert wurde, der ebenfalls als akkumulierbar angesehen wurde: Das Humankapital. Ein wichtiger Vertreter der ökonomischen Humankapitaltheorie ist der Chicagoer Volkswirt Gary S. Becker. Die Humankapitaltheorie geht davon aus, dass durch die Ausweitung des Bildungssektors gesamtwirtschaftlich Humankapital akkumuliert werde, was wiederum zu Wachstumsimpulsen führe. Bildung wurde infolgedessen ein wesentlicher Forschungsbereich der Ökonomie und durch die Gleichbehandlung mit physischem Kapital zu einem wirtschaftlichen Gut deklariert.

Bildung wurde meist neben Arbeit und Kapital als weiterer (quantitativer) Inputfaktor im Produktionsprozess in die formalen ökonomischen Modelle integriert.

Allerdings zeigte sich in den Krisen der 1970er Jahre, dass auch der Einbezug von Bildung lang anhaltendes Wachstum und Unterschiede zwischen Ländern nicht ausreichend erklären kann. Aus diesen Überlegungen heraus entstand seit Anfang der 1990er Jahre die so genannte endogene Wachstumstheorie, deren Ansatz auf Joseph Schumpeters Innovationskonzept aus dem Jahr 1912 zurückgeht, nach dem wirtschaftlicher Fortschritt vor allem durch die Entwicklung neuer Technologien und Produkte durch innovative, gewinnsuchende UnternehmerInnen, die zueinander im Wettbewerb stehen, und deren Markteinführung entsteht. Ein wichtiger Vertreter dieses Ansatzes ist der in Stanford lehrende Ökonom Paul Romer.

Der Humankapitalansatz als Arbeitsmarkttheorie

Die Humankapitaltheorie ermöglicht eine Erweiterung des neoklassischen Grundmodells, indem es die zuvor angenommene Homogenität des Faktors Arbeit auflöst und die Verteilung des Arbeitseinkommens mit einem durch Ausbildungsinvestitionen (Menge des investierten/ akkumulierten Humankapitals) differenzierten Arbeitsangebots erklärt. Demnach stellt der Bestand an Humankapital einen Bestand an produktiver Fähigkeit und Können dar, der (potenziell) bestimmte Einkommen zur Folge hat. So wird Arbeitskraft zum Investitionsgut, in das zur Verbesserung des Arbeitsvermögens und der Produktivität investiert werden kann.

Analog zu einer Investitionsentscheidung wird angenommen, dass Investitionen in das Humankapital zu einer höheren Produktivität führen, woraufhin nach erfolgter Produktivitätssteigerung ein höherer Lohn realisiert werden kann. Die Investitionen bestehen in der Summe der monetären Ausbildungskosten und zeitlichen Opportunitätskosten in Form von entgangenem bzw. vermindertem Lohn während der Ausbildungsphase. Wenn die Kosten der Ausbildung und die zukünftigen Mehrerträge infolge einer höheren Qualifikation bekannt sind, kann unter Annahme eines bestimmten Planungshorizontes und eines Marktzinses der Barwert der Investition (Rendite) bestimmt werden. Das gebildete Humankapital stellt somit einen Wert dar, der sich durch einzelwirtschaftliche Kalkulation ermitteln lässt. ArbeitnehmerInnen werden so potenziell zu "Kapitalisten", weil ihr Wissen einen ökonomischen Wert hat, den sich am Arbeitsmarkt realisieren können.

Somit wurden durch die Humankapitaltheorie Bildungs- und Ausbildungsvorgänge in das ökonomische Optimierungskalkül integriert. Der in der Humankapitaltheorie betrachtete Ausbildungsstand eines Individuums stellt im neoklassischen Sinne eine optimale Allokation der Ressourcen dar. Die Entscheidung eines Individuums lässt sich dann als individuelle Optimierungsentscheidung hinsichtlich der Allokation von Investitionen in seinen Bestand an Humankapital auffassen.

Abgeleitete Anforderungen an die Hochschulpolitik

Aus dem Verständnis von (Aus-) Bildung als individueller Investitionsentscheidung können mehrere Anforderungen an die Hochschulpolitik abgeleitet werden. Dazu gehören die verstärkte Profilbildung von Hochschulen und Studiengängen, um möglichst optimal die Nachfrage nach einer bestimmten Ausprägung des Gutes Bildung zu befriedigen, die stärkere Strukturierung (Verschulung) des Studiums, um die (zeitgebundenen) Opportunitätskosten zu verringern, und die Erhöhung der Transparenz und Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse durch die Einführung gestufter Studiengänge und des Diploma Supplements, um die Informations- und Transaktionskosten für StudienanfängerInnen, AbsolventInnen und ArbeitgeberInnen zu senken. Zusätzlich kann mit der individuellen Renditeerwartung die Erhebung von Studiengebühren legitimiert werden.

Neoliberale Zuspitzung der ökonomischen Argumentation

Aktuelle neoliberal argumentierende Äußerungen gehen noch einen Schritt weiter, wenn sie eine Transformation der Preislogik fordern. Da Bildung ein Gut sei, das der persönlichen Entwicklung diene und dem freien Wunsch des Individuums entspringe, müsse sich der Preis nicht am Angebot, sondern an der erzielbaren Rendite orientieren. Weiter wird die Forderung nach einer verstärkten Profilbildung um die Förderung der Elitenbildung erweitert. Begründet wird dies mit der notwendigen Ermöglichung des Wettbewerbs, der zu einer Qualitätssteigerung auch in der Bildung führe. Eine Einschränkung des Wettbewerbs, eine verhältnismäßig geringe Profilbildung sowie die derzeit noch recht breiten Zugangsmöglichkeiten zu (Hochschul-) Bildung reduzierten die Signalwirkung von Abschlüssen, da die Differenzierungsmöglichkeiten zu gering seien.

Zum Erreichen einer spezifischen Berufschance sei es notwendig, besondere Qualifikationen wie Sprachen und Praktika zu erwerben, die für die Berufstätigkeit gar nicht notwendig seien. Dahinter steckt die Annahme einer Überakkumulation von Humankapital, die als ineffizient betrachtet wird.

(Ökonomische) Kritikpunkte am Humankapitalkonzept

  • Das Axiom des rational handelnden Menschen kann intrinsische Motive der Studienwahl nur unzureichend erklären.
  • Die Annahme einer vollständigen Transparenz der Ausbildungsentscheidung ist wegen bestehender Informationsdefizite und eingeschränkter Mobilität nicht haltbar.
  • Die individualisierte Perspektive berücksichtigt positive externe Effekte nicht ausreichend. Bei dessen Ausblendung würde (potenziell) aus Marktversagen eine gesamtwirtschaftliche Unterversorgung mit dem Gut Bildung resultieren.
  • Die mechanische Bemessung der (quantitativen) Akkumulation von Humankapital kann qualitative Unterschiede der Bildungsabschlüsse und die Rolle individueller Persönlichkeitsmerkmale nicht angemessen abbilden.
  • Die Annahme einer dauerhaften Berufsbiographie mit kontinuierlicher Einkommenshöhe widerspricht den empirischen Trends sektoralen Wandels und der Erosion des Normalarbeitsverhältnisses.
  • Die Annahme eines Ausgleichs von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt, das zur Realisierung des erwarteten Einkommens führt, blendet die Phänomene konjunktureller Unterbeschäftigung und struktureller Dequalifizierung aus.

Verwendete Literatur:

  • Jansen, Stephan A. und Birger P. Priddat (2005): Goodbye, Doktor!. Für ein neues Bildungsverständnis, in:
  • Die Zeit Nr. 44 vom 27.10.2005
  • Lindner, Stephan (2005): Die Rolle von Kreativität in der ökonomischen Theorie - das nächste Humankapital?,
  • in: Abel, Günter (Hrsg.): Kreativität. Sektionsbeiträge des XX: Deutschen Kongresses für Philosophie, Band 2, Berlin, 531-538
  • Sesselmeier, Werner und Gregor Blauermel (1997): Arbeitsmarkttheorien. Ein Überblick, 2. Auflage, Heidelberg
  • Weiler, Hans N. u.a. (2003): Hochschulpolitik als Arbeitsmarktpolitik: Vorschläge zu einer beschäftigungsorientierten
  • Hochschul- und Studienreform, in: Bensel, Norbert, Hans N. Weiler und Gert G. Wagner (Hrsg.): Hochschulen, Studienreform und Arbeitsmärkte. Voraussetzungen erfolgreicher Beschäftigungs- und Hochschulpolitik, Bielefeld, 33-72

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