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"Masse" und "Elite". Strukturelle Bedingungen für Rechtsradikalismus an den Hochschulen

09.03.2001: Textbeitrag des Politischen Geschäftsführers des BdWi, Torsten Bultmann aus Der Rechte Rand, Sept./Okt. 2001. Der Text ist online veröffentlicht im AStA-Info der TU Braunschweig WS 2001.

"Masse" und "Elite" Strukturelle Bedingungen für Rechtsradikalismus an den Hochschulen

Von Torsten Bultmann

Der Präsident der deutschen Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Klaus Landfried, wirkte irgendwie wie ertappt als er in einem Interview mit dem 3SAT-Magazin "kulturzeit" (24. Juli), sichtlich ungehalten, die Problematik eines sich ausbreitenden Rechtsradikalismus an den Hochschulen quasi für "nicht existent" und "künstlich herbei geredet" erklärte. Wenn führende Repräsentanten wie er seit zehn Jahren und länger Begriffe wie "Elite", "Wettbewerb", "Auslese" zum herrschenden hochschulpolitischen Paradigma erheben und entsprechend in die Unis hinein rufen, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn ihnen das vermutlich bloß technokratisch Gemeinte radikalisiert zurück schallt.

Aktualität hat das Thema durch die Vorgänge um die Münchner "Burschenschaft Danubia", aber auch durch die Präsentation neuster Befragungsergebnisse der AG Hochschulforschung der Universität Konstanz erhalten, welche seit Anfang der 1980er-Jahre eine Langzeituntersuchung zur politischen Sozialisation von Studierenden durchführt: Von Untersuchungsabschnitt zu -abschnitt lassen sich die Ergebnisse, die im übrigen auch von anderen sozialen Erhebungen ähnlich getroffen werden, fast automatisch fort schreiben: Die Gruppe der engagierten und konfliktfesten (aktionsbereiten) Demokraten (von anderen Soziologen auch als "genuine BasisdemokratInnen" bezeichnet) nimmt ständig ab. Sie nähert sich offenbar der neun Prozent-Marke der 1950er-Jahre, auf der sie sich in der 1961 erschienen, unter anderem von Jürgen Habermas erstellten, legendären Studie "Student und Politik" schon einmal bewegte. Ein politisch zunehmend indifferentes "Mittelfeld" wird von Mal zu Mal größer. Ebenso im Wachsen befindet sich ein explizit "national-konservatives" politisches Milieu, welches gemäß der Konstanzer Untersuchung aktuell bei fünf Prozent im Westen (1995: drei Prozent) und acht Prozent an ostdeutschen Fachhochschulen liegt. Dieses Milieu kann nochmals einen passiven Sympathisanten- und Dulderkreis zwischen 17 und 25 Prozent um sich scharen. Innerhalb dieses Spektrums, welches überwiegend aus Männern besteht, wächst die Geneigtheit zu autoritären Lösungen sozialer Konflikte, die Übergänge zu noch weiter rechts werden fließender. Auf politisches Interesse stoßen etwa solche Fragen wie "Abwehr kultureller Überfremdung" und "Zuwanderungs-begrenzung" ­ die akademisch feinere Variante von "Ausländer raus!" ­, "Elitenförderung" und "nationale Wettbewerbsfähigkeit".

Man könnte zunächst meinen, es handle sich um eine Art "Umverteilung" von "links" nach "rechts"; Abnahme hier, Zuwachs dort, womit der in der Folge der 1968er-Ereignisse an den Hochschulen ausgelöste Politisierungsschub endgültig auszulaufen scheint. Eine solche gängige Erklärung, die hier lediglich ein Nullsummenspiel zwischen sich selbst bewegenden Meinungsmilieus sieht, greift jedoch viel zu kurz. Es fällt etwa bereits beim ersten Hinsehen auf, dass politische Vorgaben, die in den rechten Hochschulmilieus besondere Akzeptanz finden ­ etwa ein sozialdarwinistisch interpretierter Wettbewerbsbegriff, die positive Besetzung des Elitebegriffes als Kehrseite einer Abwertung des Chancengleichheitspostulats, die negative Stigmatisierung so genannte Langzeit- und BummelstudentInnen ­ keine exoterischen Gruppenmeinungen darstellen, sondern lediglich eine Radikalisierung von Positionen, die bis in "die Mitte der Gesellschaft" konsensfähig sind; genauer betrachtet handelt es sich um eine Zuspitzung anerkannter wissenschaftspolitisch-technokratischer Handlungsmuster der "offiziellen" Standortpolitik. Diese werden allerdings nicht lediglich "nachgeahmt", sondern finden ihre Stabilisierung in institutionellen Veränderungen der Hochschulen und des Studienalltags selbst.

Die Bildungsreformen der 1960er-und 1970er-Jahre waren unter Leitbegriffen wie "soziale Öffnung der Hochschulen" und "Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung" gesellschaftlich mehrheitsfähig. Dieser Rahmen förderte die innere Politisierung der Hochschulen im Sinne eines emanzipatorischen und politisch konflikthaften Wissenschaftsbegriffes. Das Leitbild der offiziellen staatlichen Hochschulpolitik heute markiert demgegenüber eine Fundamentalrevision. Es lässt sich so interpretieren, dass die Muster des externen ökonomischen Wettbewerbs als Erfolgs- und Steuerungskriterium quasi in die Hochschulen hinein verlagert werden. Planungs- und Finanzverteilungsmechanismen orientieren sich zunehmend an formalen, selektiv gehandhabten Leistungsindikatoren (Studienzeit, eingeworbene Drittmittel in der Forschung etc.). Der damit verbundene Übergang von traditionellen (Selbst-)Verwaltungsstrukturen zu betriebswirtschaftlich ausgerichteten Direktionsmodellen beseitigt die noch vorhandenen Schwundformen solidarischer und kollektiver Interessenwahrnehmung. Die riskante Arbeitsmarktsituation trägt dazu bei, dass das Studium bei immer mehr Studierenden auf den instrumentellen Aspekt des Erwerbs eines konkurrenzfähigen Arbeitsvermögens in Anpassung an gesellschaftlich anerkannte Leistungsstandards reduziert wird. Aktuell ist etwa geplant, das deutsche Studiensystem schrittweise in Richtung des "angelsächsischen" Zweistufenmodells (bachelor/master) umzubauen. Dabei soll der Erstabschluss nach sechs Semestern zugleich der Regelabschluss werden, um anschließend nur noch ein Drittel aller Studierenden über selektive "Eignungsfeststellungen" in die Master-Programme ­ auf dem Niveau des heutigen Regelabschlusses (Diplom, Magister) ­ zu übernehmen, eine Art institutionelle Aufspaltung in "Masse" und "Elite". Das Hauen und Stechen im Grundstudium ist programmiert. Kurzum: Die Interpretation von Problemen aus der Perspektive der Verdrängungskonkurrenz dringt in alle Nischen des Hochschulalltags vor, was zugleich mit der Ziel gerichteten Abwertung von allem (Einzelpersonen, politische Milieus, spezifische wissenschaftliche Traditionen) verbunden ist, was "leistungsschwach" erscheint, und zwar allein dadurch, dass es sich dem gängigen Wettbewerbsdruck entzieht bzw. auf anderen Visionen gesellschaftlicher Relevanz von Bildung und Wissenschaft als denen ökonomischer Verwertbarkeit beharrt.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich behaupte nicht, dass es einen zwangsläufigen Zusammenhang zwischen der Ökonomisierung der Hochschulen und dem Erstarken rechter bis rechtsradikaler Positionen innerhalb der Studierendenschaft gibt. In anderen Ländern, etwa Mexiko, führten ähnliche Vorgänge zu einer linken Radikalisierung. Eben so wenig kann es um eine objektivistische und relativierende Entlastung rechter Umtriebe durch Verweis auf "äußere" Bedingungen gehen. Es sollte allerdings deutlich geworden sein, dass eine politische Konfrontation mit der Rechten im Hochschulbereich langfristig (natürlich nicht in jedem Einzelfall!) nur erfolgreich sein kann, wenn die institutionellen Veränderungen und alltagskulturellen Bedingungen, die diese stärken, gleichzeitig politisiert werden. Im Kern geht es dabei um nicht weniger als die Repolitisierung der Wissenschaft als soziales System. In den Worten des Frankfurter Sozialwissenschaftlers Joachim Hirsch: "Wenn die Institution, wenn das soziale System Wissenschaft als gesellschaftskritische Instanz versagt, kommt es umso schneller zur Identifikation mit der Macht und dem herrschenden Bewusstsein."

AStA-Info TU Braunschweig WS 2001

27.06.2017
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