BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Der Handel mit Doktortiteln ist ein Symptom für die Ökonomisierung der Hochschulen!

26.08.2009: Erklärung des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) zur aktuellen Debatte um käufliche akademische Grade

Schenkt man den offiziellen Erklärungen Glauben, sind die Schuldigen schnell ausgemacht: die 100 Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer, gegen die derzeit wegen Bestechlichkeit bei der Annahme von DoktorandInnen ermittelt wird, seien eben ›schwarze Schafe‹ der Zunft. Da es sich zu einem erheblichen Teil um außerplanmäßige ProfessorInnen und PrivatdozentInnen handelt, die häufig über keinerlei reguläres Einkommen verfügen, mag potentielle finanzielle Korrumpierbarkeit durchaus in einzelnen Fällen eine Rolle gespielt haben. Dennoch kann das Problem in Gänze nicht einfach personifiziert und außerhalb des regulären Hochschulbetriebs verortet werden. Ihm liegen im Kern die gleichen strukturellen Ursachen zugrunde, die auch zu einer Zunahme von Fälschungen und Manipulationen von Forschungsergebnissen geführt haben. Der gesamte öffentliche Wissenschaftsbetrieb wird derzeit nach dem Leitbild der ›unternehmerischen Hochschule‹ umgebaut, d.h. von Kooperation auf Konkurrenz um - zu diesem Zweck ausdrücklich knapp gehaltene - Mittel umgestellt. Bestandteil des neuen ›wettbewerblichen‹ Wissenschaftsregimes ist, dass wissenschaftliche ›Erfolge‹ zunehmend betriebswirtschaftlich in quantitativen Kennziffern ausgedrückt werden - und dabei folglich bloße Performance und Geschwindigkeit tendenziell stärker gewichtet werden als inhaltliche Substanz.

In den meisten Bundesländern werden gegenwärtig die Grundausstattungen der Hochschulen zugunsten der sog. ›leistungsorientierten Mittelvergabe‹ gekürzt. In NRW erhalten die Hochschulen etwa nur 80% der ihnen vom Landtag zugebilligten Finanzen unmittelbar ausgeschüttet. Der Rest wird nach quantitativen Leistungsindikatoren im Wettbewerb vergeben, ein erheblicher Teil davon wiederum nach dem Kriterium ›Anzahl der Promotionen‹. Die Hochschulen selbst haben keinerlei Entscheidungsfreiheit, sich an diesem ›Wettbewerb‹ zu beteiligen. Um auf ihre traditionellen Haushaltsansätze bei zudem wachsenden Studierendzahlen zu kommen, sind sie in ihn hinein gezwungen. Diese wissenschaftsfremden Strukturen sind es, welche Leistungssimulation, Kennziffernmanie und tendenzielle Korrumpierbarkeit fördern.

Im Rahmen dieser Strukturen kann das Problem, dessen Symptomen der Handel mit Dissertationen ist, nicht gelöst werden. Die Lösung kann auch nicht, wie jetzt häufig gefordert wird, in einer Verschärfung des Kontrollmanagements und einer einheitlichen standardisierten Verschulung der Promotionsphase liegen, womit unterschiedliche Fachkulturen eliminiert und der negative Trend der Ökonomisierung eher forciert würde. Strukturierte Graduiertenkollegs haben ebenso ihre Berechtigung wie auch künftig die ›Individualpromotion‹ gerade in der Tradition der Geistes- und Sozialwissenschaft nach wie vor Potentiale hat. Die Richtung einer Lösung kann nur in Form einer Rückkehr zu kooperativen Formen wissenschaftlicher Arbeit und akademischer Selbstverwaltung und - last but not least - einer angemessenen Finanzierung der Hochschulen gesehen werden.

Bonn und Marburg, den 26.8.2009

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